Wesentliche Merkmale des HAE1-4

  • Ursache: Das Hereditäre Angioödem (HAE) Typ I und Typ II wird durch einen seltenen genetischen Defekt verursacht, der eine herabgesetzte Funktion und/oder einen Mangel des C1-Inhibitors (C1-INH) bewirkt. Bei dem extrem seltenen Typ III sind sowohl die Konzentration wie auch die Funktion des C1-Inhibitors normal. Es liegen aber bei vielen Patienten Mutation‎en in bestimmten Genen vor, die dann eine vermehrte Bildung von Bradykinin nach sich ziehen können.
  • Symptome: Dies kann wiederholt Ödeme an den Extremitäten, im Gesicht, Hals- und Kehlkopfbereich, im Abdomen, am Gesäß und an den Genitalien verursachen. Erste Symptome treten bei den meisten Patienten in der frühen Jugend auf.
  • Vererbung: Die Erkrankung wird autosomal-dominant vererbt. Damit besteht für Nachkommen ein 50%iges Risiko, das HAE von einem betroffenen Elternteil zu erben. Bei ca. 25 % der Patienten ist das HAE hingegen Folge einer Spontanmutation.
  • Prävalenz: Das HAE betrifft schätzungsweise zwischen 1 von 10.000 und 1 von 50.000 Individuen. In Europa gibt es etwa 10.000 und in Deutschland wird von etwa 1.600 diagnostizierten Patienten ausgegangen.

Charakterisierung der Attacken1,4-6

  • Lokalisation: Meistens sind die Haut und der Magen-Darm-Trakt, seltener der Kopf-Hals-Bereich von den Schwellungen betroffen.
    • Hautödeme meist funktionseinschränkend, oft entstellend. Sie jucken nicht und sie sind nicht mit einer Urtikaria assoziiert.
    • Ödeme im Magen-Darm-Trakt sind häufig mit krampfartigen Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen verbunden.
    • Larynxödeme sind besonders gefährlich, da sie im Extremfall zum Ersticken führen können.
  • Vorläufersymptome (Prodromi) treten bei manchen Attacken auf. Ein bekanntes Prodrom ist das Erythema marginatum – eine nicht juckende, oft ringförmige Hautrötung.
  • Auslöser/Trigger können z. B. Traumata, Operationen, Zahnbehandlungen, emotionaler Stress, Östrogentherapie, Einnahme von ACE-Hemmern, ständiges Wiederholen von Bewegungen oder mechanischer Druck sein.
    Meist treten die Attacken jedoch ohne erkennbaren Auslöser auf.
  • Die Frequenz der Attacken kann stark variieren: von mehrfach wöchentlich bis sehr selten, z. B. einmal im Jahr. Typischerweise berichten Patienten von einem Auftreten der Attacken alle 7 – 14 Tage.
  • Unbehandelt dauern die Attacken meist 2 – 5 Tage an, bis sie sich spontan zurückbilden.

Kallikrein-Aktivierung – zentraler Schritt bei der Ödementstehung1,4,7,8

  • Das Kallikrein-Kinin-System ist während der HAE-Attacke aufgrund der fehlenden Hemmung durch C1-INH aktiviert.
  • Durch die fehlende Hemmung wird unter anderem die Aktivität von Plasma-Kallikrein nicht kontrolliert. Die Kallikrein-Aktivierung stellt einen zentralen Schritt im Kallikrein-Kinin-System dar, bei dem durch die Proteolyse von hochmolekularem Kininogen (HMWK) gespaltenes HMWK (cHMWK) und Bradykinin entstehen.
  • Der Anstieg der Bradykinin-Konzentration in den Blutgefäßen hat eine Vasodilatation und eine erhöhte Kapillarpermeabilität zur Folge.
  • Es kommt zu einem Flüssigkeitsaustritt in das Gewebe mit Ödembildung.

Die Diagnose des Hereditären Angioödems1-5

Der Verdacht auf HAE liegt nahe bei:

  • wiederholten Hautschwellungen und krampfartigen Bauchschmerzen
  • Erstmanifestation im Kindes- und Jugendalter
  • vorwiegend positiver Familienanamnese
  • Auftreten von Prodromalsymptomen
  • Hautschwellungen ohne Quaddeln/Jucken
  • keinem Ansprechen auf Antihistaminika, Kortikoide und Adrenalin

Laboruntersuchung

Bei Verdacht auf HAE sollte die Konzentration von C1-INH und Komplementfaktor C4 gemessen sowie die C1-INH-Aktivität bestimmt werden.

Sehr selten tritt HAE mit normalen C1-INH (ehemals als HAE Typ 3 klassifiziert) auf. Es kann eine Mutation von Faktor XII (Hagemann-Faktor) oder der Gene für Plasminogen oder Angiopoetin vorliegen, während die C1-INH-Konzentration und -Funktion normal ist.

Vermeiden Sie Verwechslungen mit:
  • allergischen Hautreaktionen
  • Nesselsucht
  • Reizdarmsyndrom
  • Lebensmittelunverträglichkeiten
  • Harnwegsinfektionen
  • Gallen- und Nierensteinen
  • Appendizitis

Differenzialdiagnostik

ACE = Angiotensin-konvertierendes Enzym; NSAIDs = Nichtsteroidale Antiphlogistika
Modifiziert nach Bas et al. 200711, Craig et al. 201212 und Jaiganesh 201313

Krankheitslast9,10

Alltagsaktivitäten

  • Auswirkungen auf Fähigkeit zur Ausübung von Alltagsaktivitäten
  • Negative Auswirkungen in der Zeit zwischen den Attacken
  • Stärkere Schmerzen bei Attacken verschlimmern Auswirkungen

Ausbildung/Karriere

  • Fehlzeiten bei der Arbeit oder in der Schule (ca. 20 Tage pro Jahr)
  • Einschränkung der Ausbildung und/oder Karriere (51 % der Patienten)

Emotionales Wohlbefinden

  • Substanzielle Angst vor zukünftigen Attacken, Reisen und der Vererbung an Kinder
  • Stärkere Schmerzen bei den Attacken prädiktiv für ein höheres Maß an Angst

Leitliniengerecht: HAE-Therapie und -Management4

  • Nach den aktuellen Leitlinien (WAO/EACCI) sollte die Therapie auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten sein. Die Therapie sollte die Krankheitslast verringern, indem sie Attacken verhindert, abschwächt oder verkürzt.
  • Eine Langzeitprophylaxe sollte bei Patienten in Lebenssituationen mit erhöhter Krankheitsaktivität erwogen werden. Bei jeder Kontrolluntersuchung ist die Langzeitprophylaxe unter Berücksichtigung der Krankheitslast und der Präferenzen der Patienten aufs Neue zu evaluieren.
  • Eine Kurzzeitprophylaxe wird vor Eingriffen mit Attacken-Risiko empfohlen.
  • Eine Bedarfstherapie kommt bei allen Attacken in Betracht, v. a. bei jeder Attacke der oberen Atemwege. Attacken sollten so früh wie möglich behandelt werden.
  • HAE-Patienten benötigen einen individuellen Behandlungsplan, der in Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient entwickelt wird. Ein solcher Behandlungsplan sollte prophylaktische Maßnahmen, Selbstanwendung der Medikation und Anweisungen für Notfallsituationen enthalten.

Literaturverzeichnis

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