Das Hereditäre Angioödem durch C1-INH-Mangel

Wesentliche Merkmale des HAE1,2

  • Das Hereditäre Angioödem (HAE) Typ 1 und Typ 2 wird durch einen seltenen genetischen Defekt verursacht, der eine herabgesetzte Funktion und/oder einen Mangel des C1-Inhibitors (C1-INH) bewirkt.
  • Die herabgesetzte Funktion bzw. der Mangel an C1-INH kann Ödeme im Gesicht, Hals- und Kehlkopfbereich, im Abdomen, am Gesäß, an den Genitalien und Extremitäten verursachen. Erste Symptome treten bei den meisten Patienten in der frühen Jugend auf.
  • Die Erkrankung wird autosomal-dominant vererbt. Damit besteht für Nachkommen ein 50 %iges Risiko, HAE von einem betroffenen Elternteil zu erben.
  • Bei ca. 25 % der Patienten ist das HAE Folge einer Spontanmutation.3

Charakterisierung1,4

  • Es treten wiederholt Ödeme auf. Sie können jedes Organsystem betreffen.5
  • Die Ödeme jucken nicht und sie sind nicht mit einer Urtikaria assoziiert.
  • Meistens sind die Haut und der Magen-Darm-Trakt von den Schwellungen betroffen.
  • Besonders gefährlich ist das seltener auftretende Larynxödem, da es im Extremfall zum Ersticken führen kann.
  • Bei manchen Attacken tauchen Vorläufersymptome (Prodromi) auf. Ein bekanntes Prodrom ist das Erythema marginatum – eine nicht juckende, oft ringförmige Hautrötung.

Die Attacken treten meist ohne erkennbaren Auslöser auf.

Auslöser1,4

Mögliche Trigger sind z. B.: Trauma, Operation, Zahnbehandlung, emotionaler Stress, Östrogentherapie, Einnahme von ACE-Hemmern, ständiges Wiederholen von Bewegungen, mechanischer Druck.

Häufigkeit der Attacken1

  • Die Frequenz der Attacken kann stark variieren: von mehrfach wöchentlich bis sehr selten, z. B. einmal im Jahr.
  • Typischerweise berichten Patienten von einem Auftreten der Attacken alle 7 – 14 Tage.
  • Unbehandelt dauern die Attacken meist 2 – 5 Tage an, bis sie sich spontan zurückbilden.

Prävalenz

HAE betrifft schätzungsweise zwischen 1 von 10.000 und 1 von 50.000 Individuen. In Europa gibt es etwa 10.000 und in Deutschland wird von etwa 1.600 Patienten ausgegangen. Symptome zeigen sich oft schon in den ersten beiden Lebensjahrzehnten.

Phänotypen

Die phänotypischen Ausprägungen des Gendefekts variieren stark, das heißt selbst Betroffene innerhalb einer Familie können unterschiedliche Symptome zeigen.

Bradykinin – Der zentrale Mediator beim HAE 6,7

  • Das Kallikrein-Kinin-System ist während der HAE-Attacke aktiviert.
  • Am Endpunkt der Kallikrein-Kinin-Kaskade steht die Freisetzung von Bradykinin.
  • Ein Anstieg der Bradykinin-Konzentration in den Blutgefäßen führt über die Bindung an den Bradykinin-B2-Rezeptor der Endothelzellen zu einer Vasodilatation und zu erhöhter Permeabilität der Blutgefäße.
  • Die HAE-typischen Angioödeme sind die Folge.
  • C1-INH reguliert das Kallikrein-Kinin-System, indem Faktor XIIa und Kallikrein gehemmt werden und damit der übermäßige Anstieg der Bradykinin-Konzentration in den Blutgefäßen verhindert wird.

Die Diagnose des hereditären Angioödem

Anamnese

  • Rezidivierende Angioödeme
  • Erstmanifestation in der 1. – 2. Lebensdekade
  • Jahrelang bestehende Beschwerden
  • Überwiegend positive Familienanamnese

Körperliche Untersuchung

  • Es werden Haut- und Schleimhautveränderungen sowie Vorläufersymptome erfasst.
  • Bei abdominalen Beschwerden gegebenenfalls eine Endoskopie durchführen, für die weitere Abklärung bietet sich der Ultraschall an.
  • Bei einem Ödem im Kehlkopfbereich erfolgt eine Laryngoskopie.
  • Mit einer Computer-/Magnetresonanztomographie lassen sich segmentweise Schwellungen der Bauchorgane und ein eventuell vorhandener Aszites erfassen.

Laboruntersuchung1,2,4

*Sehr selten tritt HAE Typ 3 auf. Betroffen sind vor allem Frauen mit einer positiven Familienanamnese. Es kann eine Mutation von Faktor XII (Hagemann-Faktor) vorliegen, während die C1-INH-Konzentration und -Funktion normal ist.

Erkrankungen, die mit HAE verwechselt werden können

  • Allergische Hautreaktionen
  • Nesselsucht
  • Reizdarmsyndrom
  • Lebensmittelunverträglichkeiten
  • Harnwegsinfektionen
  • Gallen- und Nierensteine
  • Appendizitis

Differenzialdiagnostik

Bradykinin-vermittelte Angioödeme sind KEINE ALLERGIEN. Deshalb sprechen sie nicht auf Antihistaminika, Kortikosteroide oder Adrenalin an.

Literaturverzeichnis

  1. Zuraw BL. N Eng J Med. 2008;359(10):1027-1036.
  2. Riedl MA. J Allergy Clin Immunol Pract. 2013;1(5):427-432.
  3. Gompels M. M. Clin Exp Immunol. 2005;139(3):379-394.
  4. Mansi M et al. J Intern Med. 2015;277(5):585-593.
  5. Bork K. Am J Med. 2006;119(3):267-274.
  6. Nussberger J et al. Lancet 1998;351(9117):1693-1697.
  7. Nussberger J et al. N Engl J Med. 2002;347(8):621-622.
  8. Bas M et al. Allergy. 2007; 62(8):842-56.
  9. Craig T et al. World Allergy Organ J. 2012;5(12):182-99.
  10. Jaiganesh T et al. Eur J Emerg Med. 2013;20(1):10-7.