Das hereditäre Angioödem (HAE) ist eine potenziell lebensbedrohliche, seltene Erkrankung, die durch attackenhafte Schwellungen (Angioödeme) der Haut und Schleimhäute gekennzeichnet ist. Diese farblosen oder leicht geröteten, nicht juckenden Schwellungen können sich über mehrere Stunden entwickeln, aber auch in Form von akuten Attacken auftreten und unbehandelt 2–7 Tage andauern. Schwere und Dauer der Attacken sind individuell ausgeprägt, manche Patient:innen zeigen vor einer eigentlichen HAE-Attacke Vorläufersymptome. Die rezidivierenden (wiederkehrenden) Schwellungsattacken können an verschiedenen Körperregionen auftreten.
THEMENÜBERSICHT: Was ist ein hereditäres Angioödem?
- Was ist ein hereditäres Angioödem?
- Hereditäres Angioödem Symptome: Wie lässt sich HAE erkennen?
- HAE-Ursachen: Was verursacht ein hereditäres Angioödem?
- HAE-Auslöser: Was sind Auslöser von HAE-Attacken?
- HAE-Vorboten: Anzeichen einer bevorstehenden HAE-Attacke
- HAE-Diagnose: Wie wird ein hereditäres Angioödem festgestellt?
- HAE-Therapie: Wie wird ein hereditäres Angioödem behandelt?
- HAE-Verlauf und -Prognose: Worauf sollten sich Patient:innen einstellen?
- HAE-Servicematerialien und -Anlaufstellen: Wo finden HAE-Patient:innen Hilfe?
Lebensbedrohlich sind Schwellungen am Kehlkopf (Larynxödem) und an der Luftröhre – Erstickungsgefahr droht! Es muss sofort ein Notarzt/eine Notärztin gerufen werden. Eine Schwellung des Kehlkopfes ist die häufigste Todesursache bei Patient:innen mit HAE.
MAN UNTERSCHEIDET HAUPTSÄCHLICH ZWEI ARTEN VON ANGIOÖDEMEN:
Entstehung von HAE-Schwellungen
Bei HAE ist als Folge des C1-INH-Defekts die Konzentration von freiem Bradykinin erhöht. Dieser Überschuss an Bradykinin bewirkt, dass größere Mengen Flüssigkeit aus den Kapillaren (kleine Blutgefäße) in das umliegende Gewebe gelangen: Durch diese vorübergehenden Wassereinlagerungen entstehen die typischen Schwellungen (Ödeme).
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Bei HAE führt ein Gendefekt zu einer erhöhten Menge an aktivem Plasmakallikrein.
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Aktives Plasmakallikrein fördert die Bildung von Bradykinin.
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Zu viel Bradykinin erhöht die Durchlässigkeit der Gefäßwände.
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Bei einer HAE-Attacke führt die erhöhte Durchlässigkeit dazu, dass zu viel Flüssigkeit in das Gewebe austritt. So entstehen die HAE-typischen Schwellungen.
HAE Typ 1 bis Typ 3: die unterschiedlichen HAE-Typen im Überblick
Es gibt drei Hauptformen von HAE. Am häufigsten treten die beiden Varianten HAE Typ 1 und HAE Typ 2 auf. Durch Labor- und ggf. genetische Tests lässt sich ermitteln, welcher HAE-Typ vorliegt.
Vererbung von HAE in der Familie
Das hereditäre Angioödem (hereditär = erblich) wird innerhalb der Familie weitervererbt. 75 % aller Betroffenen haben den Gendefekt von einem Elternteil geerbt. Bei etwa 25 % der Betroffenen ist der Gendefekt durch eine Spontanmutation neu entstanden. Ganz gleich, ob es von einem Elternteil geerbt oder ob es durch eine zufällige Mutation neu entstanden ist: HAE kann an die Nachkommen weitervererbt werden. Die Vererbung erfolgt autosomal dominant d. h., das Risiko, den genetischen Defekt an die nächste Generation weiterzugeben, liegt bei 50 %. Frauen und Männer sind gleichermaßen häufig von HAE betroffen, jedoch kann bei Frauen die Ausprägung der Erkrankung schwerer sein.1
Ist HAE ansteckend?
Das hereditäre Angioödem ist eine erblich bedingte Erkrankung (hereditär = erblich), die Ursache ist also ein Gendefekt. Das bedeutet, dass man sich damit nicht anstecken kann.
Achtung: Selbst bei leichten Symptomen im Mund- und Rachenraum und Atembeschwerden muss sofort notärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Ödeme im Rachen können die Atemwege blockieren und zu lebensbedrohlichen Zuständen führen. Je früher eine Akuttherapie gegeben wird, desto besser können ernste Situationen verhindert und belastende Attacken vermieden werden.
Herausforderungen bei der HAE-Diagnose und Verwechselung mit anderen Erkrankungen
HAE ist eine seltene Erkrankung, die vielen Ärzt:innen unbekannt ist. Daher wird HAE oft mit anderen Krankheiten verwechselt, die häufiger auftreten. Dies sind vor allem Allergien und allergische Hautreaktionen.
ERKRANKUNGEN, MIT DENEN HAE HÄUFIG VERWECHSELT WIRD:
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BEI HAUTSYMPTOMATIK
- Urtikaria (Nesselsucht)
- Allergische Hautreaktion
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BEI MAGEN-DARM-SYMPTOMATIK
- Lebensmittelunverträglichkeit
- Reizdarmsyndrom
- Gallen- und Nierensteine
- Appendizitis (Blinddarmentzündung)
- Harnwegsinfektionen
Welche Laborwerte werden im Rahmen der HAE-Diagnose erhoben?
Besteht nach einer umfassenden Anamnese die Verdachtsdiagnose HAE, sind Laboruntersuchungen zur Diagnosesicherung notwendig. Dazu werden folgende Blutwerte bestimmt:
- Konzentration des Proteins C1-Inhibitor
- Aktivität des Proteins C1-Inhibitor
- Konzentration des Komplementfaktors C4
C1-Inhibitor, kurz C1-INH, ist ein Protein, das eine Vielzahl von Funktionen innehat. Bei HAE ist die C1-INH-vermittelte Regulation der Produktion von Bradykinin im Kallikrein-Kinin-System gestört. Dies führt zu einer übermäßigen Bildung von Bradykinin, welches wiederum zu einer Ödembildung führt. Je nachdem, ob ein Mangel oder eine Fehlfunktion von C1-INH vorliegt, spricht man von HAE Typ 1 oder HAE Typ 2. Durch eine zusätzliche, übermäßige Aktivierung des Komplementsystems kommt es ferner zu einer Erniedrigung des Komplementfaktors C4. Diese Labortests können verlässlich ab dem 1. Lebensjahr durchgeführt werden.
Familienmitglieder auf HAE testen
Bei einer positiven HAE-Diagnose ist es wichtig, dass andere Familienmitglieder auch auf HAE getestet werden. HAE ist genetisch bedingt und kommt daher zumeist gehäuft in Familien vor. 75 % aller Betroffenen haben HAE von einem Elternteil geerbt.1 Ein frühzeitiges Erkennen von HAE ist die Voraussetzung für einen zeitnahen Therapiebeginn, der starke Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen haben kann.
Möglichkeiten der HAE-Behandlung
ALS MEDIKAMENTE GIBT ES FOLGENDE PRÄPARATE:
Plasmakallikrein-Hemmer
C1-INH-Präparate
Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonisten (Blocker)
ALS BEHANDLUNGSZIELE EMPFIEHLT DIE AKTUELLE INTERNATIONALE HAE-LEITLINIE:3
Eine vollständige Krankheitskontrolle zu erreichen
Den Patient:innen ein normales Leben zu ermöglichen
> Eine vollständige Krankheitskontrolle bedeutet für die Patient:innen, langfristig frei von Attacken zu sein.
> Aktuell sind diese Behandlungsziele nach Ansicht der Leitlinien-Autor:innen nur mit einer Langzeitprophylaxe zu erreichen, die HAE-Attacken verhindert und so die Krankheitslast reduziert.
BEI JEDEM KONTROLLTERMIN: LANGZEITPROPHYLAXE PRÜFEN3
Bei jedem Kontrolltermin sollten alle Patient:innen überprüft werden, ob mit einer Langzeitprophylaxe ihr HAE besser kontrolliert werden kann. Bei der Beurteilung sind diese Kriterien zu berücksichtigen:
Krankheitsaktivität
Einschränkung der Lebensqualität
Krankheitskontrolle
Präferenzen des/der Patient:in
Das hereditäre Angioödem gehört zu den seltenen Erkrankungen. Daher sollte unbedingt ein/e HAE-fachkundige/r Arzt/Ärztin aufgesucht werden. Im gesamten Bundesgebiet gibt es spezialisierte HAE-Zentren.
Langfristige Vorbeugung von HAE-Attacken (Langzeitprophylaxe)
Die internationale HAE-Leitlinie empfiehlt, Betroffene bei jedem Kontrolltermin hinsichtlich einer Prophylaxe zu evaluieren.
DENN NUR SO LASSEN SICH LANGFRISTIG DIE OBERSTEN THERAPIEZIELE DER LEITLINIE ERREICHEN:
- Eine komplette Krankheitskontrolle (= Attackenfreiheit) soll erreicht und die Lebensqualität der Betroffenen normalisiert werden.
- Eine prophylaktische Therapie kann die Frequenz der Schwellungsattacken reduzieren oder sogar deren Auftreten vollständig verhindern.
Was ist eine Leitlinie?
Leitlinien sind von führenden Expertinnen und Experten entwickelte Behandlungsempfehlungen für Ärztinnen. Für alle Erkrankungen existieren Leitlinien, damit sich Ärztinnen und Ärzte über Behandlungsstandards informieren können. Die Leitlinien werden in festgelegten zeitlichen Abständen auf ihre Aktualität überprüft.
Kurzfristige Vorbeugung von HAE-Attacken (Kurzzeitprophylaxe)
Eine Kurzzeitprophylaxe kann in bestimmten Trigger-Situationen (z. B. vor einem operativen Eingriff) vor Schwellungsattacken schützen. HAE-Patient:innen haben zum Beispiel während und nach einer Zahnbehandlung, Magenspiegelung, Intubation oder Operation eine deutlich erhöhte Schwellungswahrscheinlichkeit. Um vor einer Attacke zu schützen, wird das Medikament vor einem medizinischen, zahnärztlichen oder chirurgischen Eingriff verabreicht.
Eine akute HAE-Attacke behandeln (Akuttherapie)
Ziel der Akuttherapie ist es, einen schnellen Rückgang einer Schwellung herbeizuführen. Hierbei gilt: Je früher die Behandlung einsetzt, desto weniger schwerwiegend wird die Schwellung und desto schneller bilden sich die Symptome zurück. Sobald die Atemwege von einer Schwellungsattacke betroffen sind, besteht akute Lebensgefahr und sofortige Notfallmaßnahmen müssen eingeleitet werden.
- Jede Attacke, die die oberen Atemwege betrifft oder potenziell beeinträchtigt, sollte behandelt werden.
- Patienten sollten zudem ausreichend Medikamente für die Bedarfsbehandlung von mindestens zwei Attacken vorrätig haben und diese immer mit sich führen.
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Eine der größten Schwierigkeiten stellt die oft lange Diagnosedauer dar. Von den ersten Symptomen bis zur Diagnose vergehen durchschnittlich 8,5 Jahre. Woran liegt das? Die Bekanntheit und der Kenntnisstand zu dieser Erkrankung ist bei vielen Ärzt:innen gering. Schließlich ist HAE eine von über 7.000 seltenen Erkrankungen.5
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Männer und Frauen können unter HAE leiden, doch Frauen sind im Durchschnitt stärker betroffen als Männer. In Schwangerschaften können die Attacken häufiger, seltener oder in unveränderter Zahl auftreten. Während und kurz vor der Geburt sind Schwellungen selten.
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Die Lebenserwartung ist nicht anders als bei nicht-erkrankten Menschen, solange eine möglichst zeitnahe Diagnose, eine adäquate Therapie sowie ein bewusster Umgang mit der Erkrankung erfolgt. Die Vermeidung bekannter Auslöser und Ergreifung prophylaktischer Maßnahmen kann sowohl die Lebenserwartung als auch die Lebensqualität nachhaltig erhöhen.
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Verlauf und Prognose eines HAE sind individuell sehr unterschiedlich. Das bedeutet, dass die Frequenz (Häufigkeit) und Intensität (Schwere) der Schwellungsattacken variieren und von diversen Triggerfaktoren abhängig sind. Einige Betroffene haben Schwellungsattacken in einem Abstand von wenigen Tagen, andere monatelang keine Attacken. Die Laborwerte für C1-INH liefern keine Rückschlüsse auf Häufigkeit oder Schwere der Attacken.
HAE-Fragebögen online erhältlich
Das hereditäre Angioödem äußert sich bei jedem Betroffenen anders. Das bedeutet auch, dass individuelle Behandlungsstrategien für jede/n HAE-Patient:in notwendig sind. Um besser zu verstehen, ob die HAE-Therapie erfolgreich ist, sind an der Charité Universitätsmedizin Berlin für Patient:innen jeweils ein Fragebogen zur Lebensqualität (AE-QoL) und zur Krankheitskontrolle (AECT) entwickelt worden.
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Sie benötigen für die Fragebögen nicht länger als 5–10 Minuten.
Die Fragebögen sollten etwa einmal im Quartal, zumindest aber bei jeder Kontrolluntersuchung, von den Patient:innen ausgefüllt und mit dem behandelnden Arzt/der behandelnden Ärztin besprochen werden.
Literatur
- Banerji A et al. Allergy Asthma Proc 2011;36:403-7.
- Bork K et al. Allergo J Int 2019;28:16-29.
- Maurer M et al. Allergy 2022;77:1961–90.
- Zuraw BL et al. J Allergy Clin Immunol 2013;131(6):1491–3
- Haendel M et al. Nat Rev Drug Discov. 2020;19(2):77–8.