Charakteristische Symptome des hereditären Angioödems (HAE) sind wiederkehrende und lokal begrenzte starke Schwellungen (Ödeme) der Haut und an den Schleimhäuten, die unbehandelt 2–7 Tage andauern können. Im Gegensatz zu allergischen Schwellungen sind die Schwellungsattacken beim HAE ohne Juckreiz und Quaddeln.
THEMENÜBERSICHT: Symptome des hereditären Angioödems: Wie kann HAE erkannt werden?
- HAE-Symptome sind individuell verschieden
- HAE-Symptome im Überblick
- HAE-Symptome: Hautschwellungen
- HAE-Symptome: Magen-Darm-Trakt
- HAE-Symptome: Atemwege, Schwellungen im Mund- und Rachenraum
- HAE-Symptome: weitere Organe
- Häufigkeit und Erstmanifestationen von HAE-Attacken
- Ablauf, Dauer und Intensität von HAE-Attacken
- HAE-Vorläufersymptome: erste Anzeichen für HAE-Attacken
- HAE-Auslöser: Was löst HAE-Attacken aus?
- Verwechslungsgefahr von HAE mit anderen Erkrankungen
Um die Lebensqualität von Menschen mit HAE zu erhalten, sollten diese – möglichst dauerhaft – attackenfrei sein. Dies ist mit einer modernen Therapie in einem spezialisierten Zentrum möglich.
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Typische Symptome für HAE: Krankheitsanzeichen von Betroffenen
Betroffene leiden unter den Symptomen des hereditären Angioödems, die – individuell verschieden – mehrmals wöchentlich bis nur wenige Male im Jahr auftreten können.
An welchen Körperstellen kann es beim hereditären Angioödem zu Schwellungen kommen?
Dauer, Frequenz und Intensität von HAE-Attacken
Dauer, Frequenz und Intensität der Schwellungsattacken sind individuell verschieden und von diversen (Trigger-)Faktoren abhängig. HAE-Attacken können mehrmals wöchentlich, monatlich oder jährlich auftreten und jede Attacke kann unbehandelt 2–7 Tage andauern. HAE-Schwellungen treten bei manchen Betroffenen plötzlich auf, entwickeln sich in der Regel aber langsam über mehrere Stunden. HAE-Attacken im Bauchraum können mit starken Schmerzen beginnen, bevor Anzeichen von Ödemen (ein dicker Bauch durch austretende Flüssigkeit in die Bauchhöhle) erkennbar sind. Viele Betroffene nehmen vor einer Attacke sogenannte Vorboten oder Vorläufersymptome wahr.
Einschränkung der Lebensqualität
Für viele Patient:innen ist während der HAE-Attacken die Lebensqualität stark eingeschränkt. So kommt es vor, dass sie weder schul- noch arbeitsfähig sind. Oft wird es als schambehaftet empfunden, sich mit den sichtbaren Schwellungen in der Öffentlichkeit zu zeigen, beispielsweise, wenn die Sehfähigkeit durch eine HAE-Schwellung am Auge eingeschränkt ist. Zudem können alltägliche (zum Beispiel Schuhe an- und ausziehen) oder berufliche (handwerkliche) Tätigkeiten nur eingeschränkt durchgeführt werden.
Können HAE-Attacken lebensbedrohlich sein?
Die Symptome des hereditären Angioödems sind in der Regel nicht lebensbedrohlich, auch wenn sie die Lebensqualität stark einschränken können. Treten die Schwellungen aber im Bereich der Atemwege auf, können sie eine akute Atemnot verursachen. Ohne angemessene Behandlung können Kehlkopfödeme tödlich sein.
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GEHIRN
Im Gehirn entstehen sehr selten HAE-Schwellungen. Die Symptome können denen eines Schlaganfalls ähneln (Lähmungen und Bewusstlosigkeit). Es werden aber auch Krämpfe, vergleichbar mit denen eines epileptischen Anfalls, beschrieben.
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GENITALBEREICH, BLASE UND NIEREN
Diese Schwellungen bedeuten für die Betroffenen oft Schmerzen beim Wasserlassen und beim Geschlechtsverkehr.
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GELENKE UND MUSKULATUR
Die Beweglichkeit der Gelenke kann durch die Schwellung gestört sein, ebenso können Muskeln ihre Funktion nur unvollständig oder unter Schmerzen ausüben. Dies führt zu einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität.
Wann treten HAE-Attacken erstmalig auf?
Bereits im Säuglingsalter können HAE-Symptome auftreten und Schwellungen im Magen-Darm-Trakt werden oft als „normale Bauchschmerzen“ fehlinterpretiert. Bei anderen Betroffenen zeigen sich erste Symptome erst im Jugend- oder Erwachsenenalter; das Durchschnittsalter für Erstmanifestationen liegt jedoch bei 11 Jahren.
Wie oft treten HAE-Attacken auf?
Studien haben gezeigt, dass etwa ein Drittel aller Patient:innen mehr als eine Attacke pro Woche erleidet. Die Frequenz kann von täglichen bis zu wenigen Attacken im Jahr reichen. Einige Patien:innen berichten über Monate und Jahre, in denen sie gar keine HAE-Attacken hatten. Die Häufigkeit von Attacken kann im Laufe des Lebens variieren und wird bei Frauen zudem durch hormonelle Veränderungen (Pubertät, Wechseljahre) beeinflusst.
Ist HAE bei Männern und Frauen gleich häufig?
Männer und Frauen tragen mit gleicher Wahrscheinlichkeit die Genmutationen, die für HAE verantwortlich sind. Statistiken und auch Studien zeigen aber, dass Frauen ca. 60 % der HAE-Patient:innen ausmachen.
Dieser statistische Unterschied kommt vermutlich daher, dass Frauen eine höhere Wahrscheinlichkeit besitzen, schwere Symptome zu entwickeln und somit auch diagnostiziert zu werden. Der Signalweg, der für die HAE-Schwellungen verantwortlich ist, wird durch Hormone, vor allem Östrogene, beeinflusst. Zudem können im Zyklus der Frau und aufgrund von hormoneller Verhütung HAE-Attacken ausgelöst werden. Ebenso haben hormonelle Umstellungen in der Pubertät und der Menopause potenziell negative Auswirkungen auf das HAE.
Dauer einer HAE-Schwellung
Eine HAE-Attacke dauert unbehandelt 2–7 Tage. Dauer und Schwere können durch moderne Therapien verkürzt und minimiert werden. Eine vollständige Attackenfreiheit für alle Patient:innen kann mit zielgerichteten Therapien erreicht werden.
Wie lange dauern die akuten HAE-Symptome?
Viele HAE-Patient:innen spüren Tage oder Stunden vor der eigentlichen Attacke sogenannte Prodromalsymptome, also Vorboten der sich anbahnenden Attacke. Sie sind aber kein sicheres Anzeichen, da sie nicht immer zwingend in einer Attacke resultieren bzw. auch nicht jede Attacke mit Prodomalsymptomen kommt. Die Schwellung selbst nimmt über mehrere Stunden zu und klingt dann über mehrere Tage langsam wieder ab. Typisch für HAE-Attacken ist der wiederkehrende (rezidivierende) Charakter, allerdings gibt eine Attacke keinen Hinweis auf den Zeitpunkt oder die Intensität der nächsten Attacken. Wichtig ist jedoch: Je früher eine Notfallmedikation während einer Attacke eingenommen wird, desto schneller kann die Schwellung gestoppt werden.
Welche Vorboten für eine HAE-Attacke kann es geben?
Vorläufersymptome zeigen sich in der Regel 12–36 Stunden vor der Attacke. Ein Tagebuch kann helfen festzustellen, welche Symptome erste Anzeichen einer HAE-Attacke sein könnten. Betroffene haben von folgenden Vorläufersymptomen berichtet:
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ALLGEMEIN
Bevor die Schwellungen sichtbar bzw. fühlbar werden, sind komplexe Signalwege des Immunsystems bereits aktiviert. Dies kann Auswirkung auf den gesamten Körper haben und sich auf unterschiedliche Arten äußern:
- Abgeschlagenheit oder ein starkes Krankheitsgefühl ähnlich wie bei einer Grippe mit Kopf- und Gliederschmerzen, Halsschmerzen, Schluckbeschwerden
- Hitzewallungen, bei denen kurzzeitig ein starkes Hitzegefühl auftritt, zum Teil mit Schwitzen, das nach wenigen Minuten wieder verschwindet
- Stimmungsschwankungen, ungewohnte Reizbarkeit oder Aggressivität
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HAUTSCHWELLUNGEN
Bereits bei einer beginnenden HAE-Attacke drückt Flüssigkeit aus dem Blut in das umliegende Gewebe. Das kann sich bemerkbar machen durch:
- Kribbeln, da die Nerven durch den ansteigenden Gewebedruck gereizt werden. Dieses Kribbeln kann sich wie bei einem „eingeschlafenen Fuß“ anfühlen oder als ob Ameisen über die Haut laufen würden.
- Roten, nicht-juckenden, girlandenförmigen Hautausschlag, wissenschaftlich Erythema marginatum genannt. Neben roten Punkten und Flecken können auch rote Linien und Kreise auftreten.
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RACHENRAUM
- Atemnot
Eine Verengung der Atemwege kann sich durch Pfeifen oder Keuchen beim Atmen äußern. - Schluckbeschwerden
Diese können durch eine geschwollene Zunge entstehen oder Betroffenen das Gefühl vermitteln, „einen Kloß im Hals“ zu haben. Bei Kindern kann auffallen, dass sie nicht essen oder trinken möchten. - Raue Stimme oder Heiserkeit
Diese Symptome treten bei Schwellungen im Bereich der Stimmbänder auf.
- Atemnot
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BAUCHRAUM
In den Bauchraum kann eine große Menge an Flüssigkeit austreten, ohne dass es von außen klar sichtbar ist. Trotzdem können Bauchorgane verschoben und in ihrer Funktion beeinträchtigt werden. Dies kann zu folgenden Beschwerden führen:
- Übelkeit mit Brechreiz und Erbrechen
- Kolikartige, also krampfartige Bauchschmerzen
- Veränderte Darmtätigkeit, sowohl wässriger Durchfall als auch Verstopfung
Auslöser einer HAE-Attacke
HAE-Attacken müssen keine nachvollziehbaren Auslöser haben.
MÖGLICHE TRIGGER KÖNNEN SEIN:
An welchen Triggerfaktoren kann man HAE-Attacken erkennen?
Auslöser (Trigger) der Schwellungsattacken sind vielfältig und individuell verschieden. Schwellungsattacken können eine Reaktion auf Stress oder übermäßige (Vor-)Freude sein oder auch durch körperliche Belastungen und Verletzungen verursacht werden. Durch sorgfältige Selbstbeobachtung und Führen eines Tagebuchs kann herausgefunden werden, welche Reize mit Schwellungsattacken zusammenhängen. Wenn bestimmte Auslöser für HAE-Attacken identifiziert worden sind, kann man versuchen, diese Trigger zu vermeiden. Situationen mit besonders hohem Trigger-Potenzial, zum Beispiel Operationen oder Zahnarztbehandlungen, sollten HAE-Patient:innen im Vorfeld mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin besprechen.
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STRESS
Aufregung, Angst und Stress sind manchmal für HAE-Attacken verantwortlich. Dabei ist es egal, ob es sich um „positiven“ Stress handelt, wie bei einer Hochzeit oder vor einem Urlaub, oder um „negativen“, wie bei einer Kündigung oder einem Unfall.
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ERKRANKUNGEN
Ebenso können Krankheiten, wie Erkältungen, Attacken auslösen. Insektenstiche, bestimmte Nahrungsmittel (zum Beispiel scharfe Speisen) können sowohl HAE-Attacken, aber auch allergische bzw. anaphylaktische Reaktionen verursachen. Im Gegensatz zu letzteren sprechen HAE-bedingte Schwellungsattacken jedoch nicht auf Antihistaminika, Kortikosteroide oder Adrenalin an!
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KÖRPERLICHE BELASTUNG
Manchmal reicht eine stärkere Beanspruchung eines bestimmten Körperteils aus, um eine Schwellung hervorzurufen. Zum Beispiel kann längeres Tippen auf einer Tastatur oder der intensive Gebrauch eines Schraubenziehers Schwellungen an der Hand zur Folge haben.
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REIZUNGEN IM MUND-/RACHENRAUM
Von allen Reizen, die Attacken auslösen können, sind Verletzungen und Reizungen im Mund- und Rachenraum besonders gefährlich, denn Schwellungen in diesen Bereichen können zu einem Verschluss der Atemwege und damit zum Ersticken führen. Deshalb ist es zum Beispiel bei zahnärztlichen Behandlungen besonders wichtig, dass Sie HAE-Medikamente dabeihaben oder in Absprache mit dem/der behandelnden Arzt/Ärztin eine vorbeugende Therapie anwenden.
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HORMONE
Hormone spielen gerade bei Frauen eine wichtige Rolle: Monatsblutungen, Schwangerschaft oder auch die Einstellung auf die oder die Umstellung der Pille können Attacken auslösen.
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VERLETZUNGEN/OPERATIONEN
Betroffene berichten, dass sie während oder nach operativen Eingriffen (vor allem Zahn-OPs) oder Verletzungen (z. B. Beulen, Schürfwunden) HAE-Attacken bekommen haben.
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BLUTDRUCKSENKENDE MITTEL
Blutdrucksenkende Mittel, vor allem ACE- und AT- Hemmer können Angioödeme (Schwellungen) verursachen. Die Anwendung dieser Medikamente sollte bei HAE-Patient:innen vermieden werden.
Gibt es Medikamente, die nicht-allergische Angioödeme auslösen können?
Einige häufig eingesetzte Medikamente erhöhen das Risiko für eine HAE-Attacke:
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Erkrankungen, mit denen HAE häufig verwechselt wird
HAE kann sich durch wiederkehrende krampfartige Bauchschmerzen äußern, wenn Schwellungen der Schleimhäute im Magen-Darm-Bereich vorliegen.
Unterschied zwischen einer allergischen Schwellung und HAE
Rein anamnestisch, also durch Befragung und körperliche Untersuchung, lassen sich allergische und HAE-bedingte Schwellungen nicht sicher unterscheiden. Dies ist jedoch wichtig, denn die Pathogenese (Krankheitsentstehung) ist verschieden.
Allergische Reaktionen sprechen in der Regel auf Antihistaminika, Kortikosteroide oder Adrenalin gut an, HAE-Attacken dagegen nicht. Bei HAE-Attacken sind Kallikrein-Inhibitoren, Bradykinin-B2-Rezeptorantagonisten und C1-Inhibitor-Konzentrate wirksam.
Typisch für HAE ist auch, dass die Attacken ohne erkennbare Auslöser auftreten und wiederkehren. Zudem jucken HAE-Schwellungen in der Regel nicht.
Unterschied zwischen HAE-Bauchattacken und anderen Bauchbeschwerden
Bauchschmerzen, insbesondere bei Kindern, können viele Ursachen haben. Grundsätzlich empfiehlt es sich, darauf zu achten, ob sie im Zusammenhang mit Essen, Ausscheidung, der Menstruation oder sonstigen Ereignissen stehen. Treten sie öfter auf oder zeigen sich Ödeme an anderen Körperteilen, könnte ein hereditäres Angioödem vorliegen. Es sollte dann auf jeden Fall ein/e Arzt/Ärztin hinzugezogen werden.
Bauchattacken: Nahrungsmittelallergie oder hereditäres Angioödem?
Wiederkehrende Bauchschmerzen sollten immer von einem/r Arzt/Ärztin abgeklärt werden, denn die Ursachen können vielfältig sein. Oft wird eine Nahrungsmittelallergie als ursächlich für die rezidivierenden, kolikartigen Bauchschmerzen in Betracht gezogen, selten jedoch ein hereditäres Angioödem.
EINIGE CHARAKTERISTIKA SIND JEDOCH TYPISCH FÜR EIN HAE:
- HAE-Schwellungen sprechen nicht auf Antihistaminika oder Kortikosteroide an, Nahrungsmittelallergien in der Regel schon.
- Nahrungsmittelallergien beginnen häufig mit einem oralen Allergiesyndrom.
- Beim hereditären Angioödem kommt es unmittelbar nach der Nahrungsaufnahme zu starken Bauchschmerzen, die häufig mit einer Blinddarmentzündung verwechselt werden.
Endometriose oder HAE?
Mit geschätzten 40.000 Neuerkrankungen jährlich in Deutschland ist die Endometriose deutlich häufiger als das Hereditäre Angioödem (HAE), wird oft aber auch erst lange nach Auftreten der ersten Beschwerden diagnostiziert.
Es entstehen Gewebewucherungen, die zu starken Unterleibsschmerzen, heftigen Menstruationsblutungen und sogar zu Unfruchtbarkeit führen können. Viele Betroffene haben Verdauungsbeschwerden und Bauchschmerzen, Frauen besonders während der Menstruation. Bei Männern kann diese Erkrankung ebenfalls auftreten.
Starkes Übergewicht ist ein Risikofaktor für die Entstehung von Endometriose bei Männern. Möglich ist, dass dies zu erhöhten Östrogenspiegeln führt. Da Östrogen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Endometriose spielt, kann dies der Grund sein, warum auch krankhaft übergewichtige Männer eine Endometriose entwickeln, z.B. einen Endometrioseherd in der Blase.
Ähnliche Symptome wie bei Endometriose-Patient:innen können auch bei HAE-Patient:innen auftreten. Viele Betroffene berichten von (zyklusabhängigen) Bauchschmerzen und Schwellungen, die sich bei Frauen häufig kurz vor oder während der Menstruation verschlimmern. Diese Symptome können fälschlicherweise einer Endometriose zugeschrieben werden, was die korrekte Diagnose und Behandlung des HAE verzögert.
Eine frühzeitige Diagnose kann helfen, unnötige Behandlungen und operative Eingriffe zu vermeiden und eine adäquate Therapie zu ermöglichen. Es ist daher wichtig, dass besonders Frauen, die an starken zyklusabhängigen Schmerzen leiden, genau auf HAE untersucht werden, um Fehldiagnosen zu vermeiden.
Behandeln lässt sich Endometriose durch Hormontherapien, aber auch chirurgische Eingriffe sind möglich.
Literatur
- Maurer M et al. Allergy 2022;77:1961–1990.
- Bork K et al. Am J Med 2006;119:267–274.